Über die Erziehung durch Lob und Tadel
Schon sehr früh in der Kindheit erfährt man, dass es Gut und Böse gibt. Man lernt die Engel kennen, umgeben von paradiesischen Gärten, umwoben vom zarten Duft der Blumen, begleitet von der Heiterkeit des Vogelgesanges. Und man lernt die Dämonen kennen, kriechend in dunklen Gewölben, getrieben von Hass und Gewalt, ergötzt an den wimmernden Lauten des Grauens. Es ist etwas sehr Simples und Elementares im Leben eines Kindes.
Ich sehe beispielsweise einen kleinen Jungen, wie er Engel ist und gehorsam sein Essen aufisst und dafür mit einer leckeren Nachspeise belohnt wird. Diesen Engel sehen alle gerne an. Gesichter, von einem Lächeln gezeichnet, wenden sich ihm zu und strahlen Zufriedenheit, Lob und Liebe aus. Ebenso sehe ich aber auch den kleinen Jungen, wie er Teufel ist und das Spielzeug seiner Geschwister zerbricht und erneut wenden sich ihm die Gesichter zu. Doch dieses Mal sind es Gesichter, die ihn anschreien und bedrohen, die ihn bestrafen und ihn in sein Zimmer schicken, damit er über seine Taten nachdenkt.
Als Kind lernt man auf diese Weise, dass alle Taten eine Reaktion hervorrufen, dass nichts ohne eine Antwort der Umwelt bleibt. Man bekommt sogar den Eindruck, man müsse bloß herausfinden, was die Menschen am meisten erfreut, um noch mehr Lob und noch mehr Belohnungen von ihnen zu erhalten. Man kann als Kind ein einfaches Leben haben, wenn man so handelt, wie es die Erwachsenen wünschen, denn dann erfüllen diese im Gegenzug auch die eigenen Wünsche. Man lernt, wie auf einem Wunsch-Basar zu handeln und zu feilschen und dadurch all sein Bestreben in Relation zu anderen Menschen zu setzen.
Doch leider sehe ich auch den Jungen, dem dadurch die Möglichkeit genommen wurde, seine eigenen Sehnsüchte, seine Leidenschaften und seine Träume zu ergründen. Ich sehe, dass der Junge so sehr damit beschäftigt war, den Wünschen der Erwachsenen zu entsprechen, dass er nicht lernte, seine innere Stimme zu hören.
(2002)
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